Die Sage der Puttkamer

Abschrift aus der alten Familiengeschichte von 1878/1880

In uralter , grauer Zeit lebten drei Brüder der Namen Czech,Lech und Russ, welche die Stammväter wurden der Böhmen, Polen und Russen.(Anm. Bekannte Fabel, die von allen älteren Chronisten wiederholt wird.)

Zu einem Zweige der polnischen Herrscherfamilie der Lech´s gehörte Fürst Leszek III., ein Zeitgenosse Cäsars, der zwanzig Söhne hatte und im Wappen den „ Greifen“ führte, welcher das gemeinsame heraldische Symbol aller seiner Nachkommen geblieben ist (Anm.nach Caspar Niesiecki, einem polnischen Jesuiten und Historiker)

Ein Sohn Leczek´s hiess Jaxa, auch seine Descendenz wurde mit der Bezeichnung „ die Jaxa “ belegt. Nach einigen kamen sie aus Egypten, nach anderen aus Dacien nach Polen, breiteten sich weit aus und unterwarfen sich entfernte Länder, die sie unter sich theilten.

Die „ Jaxa “ im engern Sinne erhielten bei einer solchen Theilung Serbien ( Ost- Dacien, das Land zwischen der Donau und den adriatischen Meere? (Anm.nach Nakielski)), welchen Namen neuere slavische Schriftsteller auf das Land zwischen Havel und Elbe ( Meissen, oder Windisch? ) deuten.

Ungefähr um das Jahr 1106 kehrten mehre Mitglieder des Hauses Jaxa nach Polen zurück, hingelockt durch den Waffenruhm des Herzog-Königs Boleslaw Krzywusty( 1085 – 1139 ). Er führte um diese Zeit einen Krieg mit Kaiser Heinrich V. Mit für ihn glücklichen Ausgang.

Der Greif blieb immer das charakteristische Wappenbild aller Linie der Jaxa, wenn auch bei einzelnen in von einander abweichender Gestaltung und Farbe. Um das genannte Jahr 1106 herrschten über Pommern Fürsten aus dem Stamme Leszek´s, und zwar als Vasallen Boleslaw´s Krzywusty, so Swentopolk, dem der König die Verwaltung des pommerschen und kassubischen Gebiets abnahm, Boguslaw, Sohn eines Jaxa und Neffe Swentopolok´s , der diese Gebiete darauf erhielt, Msciny und Sambor, Fürsten anderer Theile Pommerns.

Soweit die polnischen Chronisten entlehnte Sage, die also nur die heraldische Seite in das Auge fasst und, von der Voraussetzung ausgehend, dass wappenartige Symbole mindestens schon seit den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung bei fürstlichen und edlen Geschlechtern gebräuchlich gewesen, die Folgerung vorbereitet, dass die ein eigenthümliches Wappenbild – halb Greif, halb Fisch – führenden Herren von Puttkamer in directem genealogischen Zusammenhang mit den über „Serbien“ geherrscht habenden Jaxa stehen müssen.

Die böhmischen Chronisten gehen noch weiter und führen einen bestimmten, mehr als tausendjährigen Familiennamen ein, dessen genealogischen Zusammenhang mit dem der Puttkamer ein neuerliches Grafendiplom des Kaiserlichen Heroldsamts definitiv festgestellt hätte.

Zu Anfang des 8.Jahrhunderts existierte in Böhmen ein mächtiges Geschlecht, das der Wrsch (Wrs, (Anm. nach Wenceslaw Hagek)), ein Zweig der freien slavischen Fürsten „krabatischen“ Stammes, die um die Mitte des 7. Jahrhunderts vor den nachdrängenden Hunnen, Avaren,Tartaren und Kumanen ihre weit im Osten liegende Heimat verlassen und neue Wohnsitze in dem von den deutschen Markomannen verlassenen „ wunderherrlichen “ Lande, eben dem heutigen Böhmen gewählt.Zwei „ krabatische“ Fürsten, die Gebrüder Czech und Lech, waren die Schwäger eines andern Fürsten, Wrsch, des ursprünglich mächtigsten von allen. Lech fiel in einer Schlacht, ohne Nachkommen zu hinterlassen, Czech riss durch List die Herrschaft an sich. Er wurde durch seine Enkelin Libussa (700-738), die , statt des ihr zum Gemahl angebotenen einen Wrsch, den Bauer Przmysl heirathete, und durch dessen zweite Gemahlin Wlasta, der indirekte Stammvater der, freilich unaufhörlichen Erbfolgestreitigkeiten, lange Zeit über Böhmen herrschenden Przmysliden.

Die Wrsch standen stets auf Seiten der Gegner des herrschenden Geschlechts und hatten daher gräuliche Verfolgungen zu erdulden. Schließlich entgingen sie dem völligen Untergange nur durch ein Bündnis mit den „ Sachsen “ (Anm. Um diese Zeit von Sachsen im Meissner Lande zu reden, ist absurd.) des Meissener Landes. Im Jahre 1037 stand an der Spitze der Rebellen wider den Herzog (König) Jaromir: Kochan (Jochen) Wrsch von Schreckenstein. Die Liebe führte neue Verwicklungen herbei. Herzog Jaromir hatte ein Liebesverhältnis mit einer Tochter des Kochan Wrsch, die zur Verräterin der Ihrigen wurde. Ein anderer Wrsch (von Wrschowice) vermählte sich wieder mit Jella, einer Tochter Jaromir´s und stand nun gleichfalls auf feindlicher Seite. Er fiel im Kampfe und seine Witwe flüchtete mit zwei Söhnen nach Polen (1090-1100). Seitdem blieb Polen der Zufluchtsort aller Wrsch, wenn ihnen ein gelegentlicher Massenmord drohte. Zur Zeit, als Boleslaw Krzywusti, der oben genannte König von Polen, seinen siegreichen Krieg gegen Kaiser Heinrich V. und den Böhmenherzog Swatepolk führte, gleichzeitig also mit jenen „ Jaxa “, die den Greifen im Wappen hatten, zeichneten sich auch mehrere Wrsch durch Tapferkeit aus.

Auf Anstiften des Polenkönigs tödtete Geschek (Jezka, Jan) Wrsch, ein Sohn des Jan Tista (Tystes), den Herzog Swatepolk von Böhmen meuchlings am 21. September 1109 (Anm. Wie oft in ähnlichen Fällen rankt sich auch hier die Sage um geschichtliche Thatsachen empor.). Der Thäter entkam. Sein Bruder Jan Wrsch aber wurde, nachdem der Przmyslide Wladislaw zur Herrschaft gelangt war, erst geblendet und dann geköpft. Seitdem hatten , wenigstens vorläufig, die Wrsch aufgehört, in Böhmen eine Rolle zu spielen. Über ihre Schicksale in Polen wissen die böhmischen Chronisten nur noch im Allgemeinen zu berichten, dass sie dort in hoher Gunst standen und um 1139 grosse Herrschaften besaßen und Stadthaltereien inne hatten.

Übrigens kamen noch im Laufe desselben Jahrhunderts Mitglieder der Wrsch nach Böhmen zurück, über deren Zweige, wenn sie auch mit den von Puttkamer in gar keine nähere Beziehung gebracht worden sind, der Vollständigkeit wegen doch hier aufgeführt werden mag, was die Tradition über sie berichtet. Im Jahre 1128 verlieh Herzog Sobieslaw einem Wrsch das Schloß Lorek und ein neues Wappen, in einem halben silbernen Adler ( Anm. Die, wenn eine Tinktur (der Wappenfigur) genannt ist, durchaus nothwendige Bezeichnung der andere Tinctur (des Schildes) fehlt.) bestehend. Von diesem stammen die Wrsch-Lorecki ab. Unter Herzog Friedrich machte sich 1184, im Kriege gegen Mähren, Ratibor Wrsch verdient, erhielt dafür das Schloß Frauenberg, einen Gnadenbrief mit völliger Verzeihung der den früheren Wrsch zur Last zu legenden Missethaten und einen Wappenbrief ( Anm. Auch ein deutscher Schriftsteller, v.Strantz (Geschichte des deutschen Adels,1855) hat diese Wappenverleihung als die älteste seitens eines Fürsten- „anerkannt“.) , des Inhalts, daß Ratibor´s und seiner Nachkommen Wappen bestehen solle in zwei gekreuzten Beilen (Helleparden) – doch wohl silbernen – im blauen Felde, dieselben zwischen zwei Adlerflügeln wiederholt auf dem Helme. Seitdem haben sich, weil das Wappenbild, die Helleparte, auf böhmisch: sekerka (siekicka,skycka?) heißt, die böhmischen Wrsch stets Grafen Sekerka von Wrschowetz, auch von Sedczicz und von Bezdekow genannt.- Über die älteren Wappen des Geschlechts wissen die böhmischen Gelehrten noch zu berichten, daß Czech einen silbernen Adler, Lech einen silbernen Löwen, Wrsch aber eine goldene Fischreuse im blauen Felde geführt. Die letztere heißt böhmisch wrz, neupolnisch wiersza. Dem entgegen schrieben Andere den Wrsch, weil sie von Alters her die Helleparte, das langgestielte Beil, im Kriege und auf der Jagd mit besonderer Geschicklichkeit geführt, schon vor der Zeit des Wappenbriefes des Herzogs Friedrich die „ sekerka “ als ihnen eigenthümliches Wappen zu, durch welches sie mit dem polnischen Wappenstamm Topor in Verbindung gestanden hätten ( Anm. Dlugosz kennt diese Verhältnisse noch genauer und erzählt sie etwas abweichend. Demnach haben die nach Polen geflüchteten Vrsowicenses den Familiennamen Ravita angenommen gehabt. Im Jahre 1199 ist Goworek von Ravita, bis dahin Palatin von Sandomir, nach Böhmen zurückgekehrt und hat zum Zeichen des von seinen Verwandten verübten Verraths, statt der  alten Insignien eine Axt ins Wappen nehmen müssen. Dieselbe nennt er böhmisch baradatika, polnisch oxa (oksza).König Swatepolk ist aber auch nach der sonst anerkannten Sage entweder durch einen Pfeilschuß, oder einem Speerwurf ermordet worden.)

Was nun die in Polen gebliebenen Wrsch betrifft, so wird erzählt, daß jener Geschek oder Jezka, Sohn des Jan Tista, welcher durch die altererbte Erbitterung gegen das Haus der Przmysliden und vielleicht auch durch den ihm vom Polenherzog in Aussicht gestellten Lohn sich verleiten ließ, einen, nach den Begriffen aller Zeiten nicht zu rechtfertigenden, Meuchelmord zu begehen, sonst im offenen Felde tapfere und rühmliche Thaten verrichtet hat. - Über seine nächsten Nachkommen schweigt jede Überlieferung, bis plötzlich die auftritt ( Anm. Nach zahlreichen ältern und neuern Autoren, u.a. auch Pauli,Leben großer Helden), daß Jeskow (Jasko), dem Geschlechte der Wrschowetz (aber nur die böhmischen Wrsch werden sonst mit diesem Beinamen genannt!) angehörig, um das Jahr 1200 nach Pommern, d.h. Ostpommern, dem späteren Pommerellen, gekommen und daselbst Stammvater der nachher von Puttkamer genannten Familie geworden sei, woran die, mit Bezug auf den Vornamen nahe Vermuthung geknüpft wird, daß dieser „ Jesko, primus de Wrschowetz in Pommerania“ etwa ein Enkel jenes Geschek Jeska (auch Geschke) gewesen sei, durch dessen Hand Swatepolk gefallen war.

Als im Jahre 1802 in den russische gewordenen Theilen des ehemaligen Gesammtkönigreichs Polen von den daselbst angesessenen adligen Familien ausführliche Adelsnachweise gefordert wurden, erbrachten ihn die dort wohnhaften Herren von Puttkamer (Anm. Näheres im speziellen Theile unter Hauptlinie Nossin, Ast Wollin) dahin, daß ihr Urahn gewesen sei jener „ Jesko, der dem Könige Boleslaw Krzywusti zum Siege über das Heer des Deutschen Kaisers bei Breslau verholfen“ , ein Sprosse des böhmischen Hauses Wrsch – und wurde darauf von der Kaiserlich russischen Regierung als erwiesen amtlich angenommen, daß die von Sekerka-Wrschowetz und die von Puttkamer eines Stammes seien, und die Frage stehende Familie befugt, sich „Wersowitz-Sekerka Grafen Puttkamer“ zu nennen.

Eine kritische Prüfung des Grades der durch derartiges Adelsanerkennungs-Diplom erreichten Glaubwürdigkeit der sonst aufgeführten Familientrationen glaubt sich der Bearbeiter dieser Geschichte versagen zu dürfen. - Es erübrigt sich, einige andere Punkte der betreffenden Traditionen näher in das Auge zu fassen. Offenbar sind zwei Momente besonders wirksam gewesen, auf einen genealogischen Zusammenhang der Familien Puttkamer und Wrschowetz hinzuweisen und die Abstammung beider von den großen „ krabatischen “ Fürstenhäusern der altslavischen Mythe zu begründen und immer detaillirter auszumalen: die Namens- und Wappenähnlichkeit einzelner in Rechnung zu ziehender Personen und der ganzen Geschlechtssippen.

Der erste, mit aller Wahrscheinlichkeit als solcher anzusehende, Ahnherr der Puttkamer heißt Jesko – der letzte bekannte, in dem, Pommerellen benachbarten , Polen eine gewisse Rolle spielende Wrsch heißt Jezka, Geschke oder Geschek!

Das Wappen der Puttkamer ist ein in einem Fischschwanz ausgehender Greif, auf dem Helm zwei Beile.

Die Wrschowetz führen im Wappen zwei Beile!

Die alten „ krabatischen “ Fürsten, die Jaxa usw. sollen schon während des ersten Jahrtausends unserer Zeitrechnung Greifen im Wappen geführt haben!

Über die Zufälligkeit, daß sich das Wappenbild der Sekerka von Wrschowetz, zwei Beile, auf dem Helm der Puttkamer wiederfindet, oder wiederzufinden scheint, läßt sich nur das sagen, daß sich nach wissenschaftlichen Principen eine Stammesgemeinschaft unter von Hause in nächster Nachbarschaft bei einander ansässigen Familien nur dann aus der Wappengleichheit folgern, oder wenigstens vermuthen läßt, wenn dieselbe darin besteht, daß die Wappenschilde einander gleich, oder allenfalls auch die Helmkleinode einander gleich, oder ähnlich sind. Beide als eigentliche Wappenbilder und Helmkleinode kann man außerdem bei einer großen Anzahl von Familien näherer und fernerer Länder nachweisen.

Über die Wappen der Czech´s, Lech´s, der Jaxa und anderer slavischer Fürsten und Fürstenhäuser vor dem 11. Jahrhundert ( um schon einen sehr weiten Spielraum zu gewähren) läßt sich überhaupt nicht streiten und ernsthaft  Nichts erörtern.

In Bezug auf den Gleichklang von Jesko und Jezka sei bemerkt, daß diese und ganz ähnlich klingende Namen bei allen slavischen und wendischen Nationen sehr verbreitet waren – es sei nur an den Wendenfürsten Jakza oder Jazko von Köpenick, den Helden der Sage vom Schildhorn, erinnert – und daß demzufolge an und für sich ein solcher Gleichklang gar nichts beweist und beweisen kann. Immerhin ist aber die Ableitung des „ primi in Pommerania “ von dem oft erwähnten böhmischen Flüchtling diejenige Stelle, welcher gegenüber auch der strengere Kritiker, abweichend von dem sonst festzuhaltenden Grundsatz, daß die Wiege eines Geschlechts stets da zu suchen sei, wo es zuerst urkundlich beglaubigt erscheint, die „ Möglichkeit “ wird einräumen können, daß es sich also verhalten habe, wie die Sage berichtet.