Ein  Clan in Hinterpommern über 800 Jahre 

 

Prof.Dr. Ewald v.Puttkamer-Barnow

I. Hinterpommern vor der ersten urkundlichen Erwähnung der Puttkamers

  • Sehr dünn besiedelt, vorwiegend an Talauen, sonst dichte Urwälder
  • Noch keine Städte, nur Marktflecken z.B. Stolp oder Schlawe
  • Bevölkerung Westslawen seit ca. 600 n.Chr.. Ältere Rückzugsbevölkerung in Sumpfgebieten z.B. Klucken am Lebasee

967 Hinterpommern gerät durch Miastko, den ersten Polenherzog, unter polnische Herrschaft.

1091 Stettin erobert, wird 1113 zurückerobert durch Herzog Boleslaw I I I  . von (Vor-)Pommern; Hinterpommern bleibt polnisch.

ab 1100 Christianisierung vorwiegend durch den Johanniterorden, der Komtureien gründet. Kirchliche Zugehörigkeit zum Erzbistum Magdeburg oder Gnesen strittig.

1140 Papst Innozenz I I . gründet das Bistum Wollin, 1176 nach Cammin verlegt. 1188 Cammin wird unmittelbar dem Vatikan unterstellt und der Streit bleibt in der Schwebe.

ab 1230 kommen deutsche Siedler nach Hinterpommern, mit ausdrücklicher Billigung des Landesherrn.

  • Friedliche Einwanderung; Dörfer entstehen nebeneinander (z.B. Deutsch- und Wendisch Tychow, Gr .. und KI.Gansen)
  • die Siedler bringen Techniken mit, die sie außer Konkurrenz zu den Einheimischen stellen:

- Rodungstechniken (schweres eisernes Gerät, wie Ketten, Haken und belgische Kaltblutpferde als Zugmaschinen)

- die Erfindung der arbeitsteiligen Stadt mit Handwerkern u. ihren Zünften.

Kaufleute mit Fernhandel und einer Stadtverwaltung mit Bürgermeister und Magistrat (1310 erhält Stolp Stadtrecht, 1381 wird es Mitglied der Hanse).

- Organisation und Verwaltung

In "Lande" etwa heutigen Kreisen entsprechend (z.B. Land Stolp, Land Schlawe) mit einem "Palatin" (slawisch: Wojewode) an der Spitze

In den Marktflecken Kastelle des Landesherrn unter einem "Kastellan"

In jedem "Land" ein Steuereintreiber für den Landesherrm, Titel „Unterkämmerer" (slawisch „podkomorzy"): der Kämmerer verwaltete bei Hof die Finanzen.

Die Verwaltungsstellen sind Vertrauensstellungen des Landesherrn; er ist weit weg, sehr selten da und Nachrichten laufen langsam.

 

II. Der Clan wird urkundlich erwähnt ab Mitte des 13.Jahrhunderts

 

Swenzo

1257 subdapifer (Untertruchseß) von Schlawe 1274 subcamerarius (Unterkämmerer) von Stolp 1275 Kastellan von Stolp

1286 Palatin von Danzig

1289 Palatin von Danzig und Stolp Vertrauensmann des polnischenKönigs

Lorenz, Bruder von Swenzo, in Urkunden genannt 1275 - 1326 ; 1277 - 1288 Unterkämmerer („podkomorzy“) von Stolp ; ab 1288 Kastellan von Stolp

Peter, genannt "von Neuenburg", Sohn Swenzos, in Urkunden genannt 1297 - 1341 beerbte seinen Vater als Kastellan von Schlawe und Stolp ; Getreuer Vasall des polnischen Königs Wenzel aus dem bömischen Herzoghaus;

nach dessen Tod wird ein Zentral Pole polnischer König.

Peter gerät mit ihm aneinander, als der König versucht, seine Familie und ihn finanziell zu ruinieren, öffnet er die Tore von Stolp und Schlawe dem Pommernherzog; zugleich macht sich der Deutsche Ritterorden in West- und Ostpreußen selbständig.

1309 Vertrag von Soldin

Die Lande Lauenburg und Bütow fallen an den Orden

(1466 im Thorner Frieden als polnisches Lehen an die Pommernherzöge)

Die Lande Stolp und Schlawe fallen an das Herzogtum Pommern

Peter bleibt Kastellan von Schlawe und Stolp

Peter, genannt „putkummer " (aus podkomorzy), in Urkunden genannt 1297 –1341 Unterkämmerer von Schlawe und Stolp unter den pommerschen Askanierherzögen

- möglicherweise ein natürlicher Sohn von Lorenz aus seiner Zeit als Unterkämmerer.

Mit ihm wird der Name des Clans etabliert.

 

III. Der Clan im 15. Jahrhundert

 

Der Clan ist fest verwurzelt im östlichen Hinterpommern mit Schwerpunkt zwischen Stolp, Schlawe, Rummelsburg und Bütow. Im Süden gehört ihm zur ganzen Hand ein umfangreiches Waldgebiet, die Puttkamer-Kavel.

Die Nachkommen von Peter „putkummer" formen die drei Linien der Familie:

1.Linie - Nachkommen von Georg (* 1420) - Vietzke-Nesekow

davon existiert heute Zweig Granzin-Jeseritz

2.Linie - Nachkommen von Lorenz (gen. 1428-54) - Barnow-Versin-Zettin

Zweig Altes Barnow

Ast Niederlande (erloschen) Ast Wobeser

Ast Bartin-Lupow

Zweig Versin-Sellin

Ast Övelgönne (erloschen)

Ast Jüngeres Barnow-Neu Kolziglow

Zweig Treblin-Zettin

Ast Deutsch Karstnitz

Ast Hebrondamnitz Kl Gustkow

Ast Jüngeres Treblin

3. Linie - Nachkommen von Swenzo (gen. 1387-1417) - Nossin

Zweig Kleschinz-Damerkow

Ast Rabuhn-Mühlenbruch

Zweig Wollin-Jüngeres Nossin

Ast Bolcienici (erloschen) Grafen Puttkamer in Litauen

Ast Grumbkow

Ast Jassen

Ast Stojentin-Freudenthal

Ast Jüngeres Wollin

Ast Jüngeres Nossin

 

IV. Der Clan im 16. Jahrhundert

 

In Pommern herrschen die Greifenherzöge, so Bogislav X. von 1474-1523.

Gegen Ende seiner Herrschaft sind wirtschaftlich schwierige Zeiten: Mit

der Entdeckung Amerikas verschieben sich die wirtschaftlichen Gewichte. Frühkapitalismus herrscht ( Fugger und Weiser im Reich, das Bankhaus Loitz in Stettin)

Die Städte werden reich, der Adel verschuldet sich zunehmend bei den Kaufleuten und verarmt. Er nimmt sich dann gewaltsam zurück, was ihm gehörte und wird zu Raubrittern, in Pommern auch Reutter genannt. Fast alle adligen Familien in Pommern sind involviert: Zitzewitz, Kleist, Massow, Podewils, Eichstädt, Glasenapp, Goltz und besonders aktiv die Puttkamers.

Man organisiert Überfälle auf Kaufmannszüge, vornehmlich in der Gegend von Lauenburg.

Um 1520 sind beteiligt:

 

  • Ewald, genannt Munze aus Barnow Adrian, ebenfalls aus Barnow Drewes aus Versin
  • Ewald, genannt Tegel aus Nossin und Christoph aus Vietzke

 

Diese Namen tauchen in den Prozessakten auf, als Herzog Barnim mit dem Unwesen aufräumt. Die Puttkamers entgehen knapp dem Henkerbeil, die Rädelsführer enden auf dem Schafott.

Die Zettiner Puttkamers waren nicht beteiligt; sie bekleideten Hofämter in Stettin.

Zeitgleich begann auch in Pommern die Reformation: Unter Bugenhagen wird Pommern evangelisch.

Gegen Ende des Jahrhunderts bricht 1572 das Bankhaus Loitz zusammen und reißt einige Mitglieder der Familie mit in den Bankrott.

 

V. Der Clan im 17. Jahrhundert

 

Mit dem Erlöschen des Greifengeschlechts der Pommernherzöge fällt Pommern an Brandenburg. Als Brandenburg in den 30jährigen Krieg verwickelt wird, gerät auch Pommern mit hinein. Die Schweden verwüsten Pommern: "Maikäfer flieg, der Vater ist im Krieg, die Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt. Maikäfer flieg". Aus der Zeit erhalten sich viele Namen wie Schwedengrund, Schwedenschanze usw. Das Land verarmte.

Die Bauern geraten in die Leibeigenschaft der Gutsherrn.

Ein niederländischer Ast der Familie etabliert sich (Zweig Altes Barnow)

 

VI. Der Clan im 18. Jahrhundert

 

1701 wird aus Brandenburg das Königreich Preußen. Der Clan ist fest etabliert in Hinterpommern und kommt wirtschaftlich langsam wieder auf die Beine.

Im 7jährigen Krieg sind Puttkamers in hohen Militärpositionen mit dabei:

 

  • Georg-Ludwig (Versin) 1715-1759 Generalmajor, Chef der Puttkamer-Husaren, gefallen in der Schlacht bei Kunersdorf. Seine Frau bringt das Gut Övelgönne (heute ein Vorort von Bad Oynhausen) in die Familie. 1863 vererbt an an Oskar (Barnow), verkauft 1872.

 

Aus dem kurländischen Zweig der Familie werden russische Grafen Puttkamer, ansässig in Bolcienici, bei Wilna in Litauen und bilden den litauischen Zweig der Familie (erloschen 1968).

Die vergebliche Liebe zu einer Gräfin Puttkamer lockt auch Adam Miczkiewicz, dem späteren polnischen Nationaldichter , erste Gedichte heraus (vergleichbar Friederike Brion und Johann Wolfgang Goethe).

 

VII. Der Clan im 19. Jahrhundert

 

Der Anfang des Jahrhunderts sah die Franzosen in Pommern: Eine elende Zeit.

Die Stein-Hardenbergschen Reformen brachten die Aufhebung der Leibeigenschaft und das Entstehen von Landarbeitern, und damit eine Reform in der Bewirtschaftung der Güter.

Gravierender für den Clan war die Verwaltungsreform in Preußen 1850:

 

  • Aufhebung der Stände
  • Abschaffung des Lehnswesens
  • Aufhebung des Privilegs der niederen Gerichtsbarkeit der                                                                                                                                Gutsherrn.

 

Der Adel verliert fast alle Vorrechte, bleibt beim Militär oder hohen Verwaltungsposten aber bevorzugt.

Der drohenden Zersplitterung der Familie wirkt entgegen die Gründung einer Familiengenossenschaft 1860. 39 Puttkamersche Vettern gründen in Stolp die Genossenschaft ; Vorsitzender wird Generalleutnant Leopold (Granzin-J eseritz).

Errichtung einer Stiftung mit einem Stammkapital von 300.000,- Talern; daraus Zuwendungen:

 

  • an Studierende
  • an Offiziere an der Kriegsakademie für Studienreisen ins Ausland
  • Adjutanten von Generalstabsoffizieren für ein Pferd
  • für Referendare und unbesoldete Assessoren
  • an geborene oder verwitwete Damen v.Puttkamer, "sofern sie sich als Gouvernanten oder in ähnlicher ehrenhaftrer Weise ihren Unterhalt ganz oder teilweise erwerben."

 

Aus Ablösesummen des Lehnsrechtes wird eine Lehnsstiftung gegründet:

1893 hat die Genossenschaftsstiftung ein Kapital von 113.400,- Mark (ca 1,1 Mio €),

die Lehnsstiftung ein Kapital von 308.500,- Mark.

Daneben gibt es private Stiftungen der Familie.

 

 

Der Clan ist eine der großen Familien mit rund 500 männlichen Mitgliedern, hat einen Sitz im preußischen Herrenhaus und stellt hohe Beamte und Militärs.

Die Industrialisierung verschiebt allerdings die wirtschaftlichen Gewichte hin zu Industrie, Handel und Banken, an denen der Clan keinen Anteil hat.

Der wachsende Nationalismus belastet die Kontakte zu den polnischen Vettern.

 

VIII. Der Clan im 20. Jahrhundert

 

Der l.Weltkrieg bringt hohe Blutverluste der Familie; die anschließende Inflation ruiniert einige, obwohl der Besitz im wesentlichen unangetastet bleibt.

Die Depression macht den landwirtschaftlichen Betrieben das Überleben schwer.

Der 2. Weltkrieg wird für den Clan zur Katastrophe: 60 Namensträger sterben auf dem Schlachtfeld, bei Bombenangriffen in der Heimat, auf der Flucht und durch die Vertreibung. Mit der Vertreibung aus Pommern verliert der Clan seinen Besitz, damit ist seine materielle Basis verloren. Er existiert fort, aber relativ verarmt und geht mehr und mehr auf in der bürgerlichen Gesellschaft Deutschlands.

 

Als Nachfolger der am 3.Oktober 1860 zu Köslin gestifteten „Genossenschft der Familie v.Puttkamer“ – umbenannt am 10. Juni 1939 in „Verband des uradligen Geschlechts v.Puttkamer (v.Puttkamerscher Geschlechtsverband)“ – führt der Verband heute den Namen: „Verband des Geschlechts v.Puttkamer e.V.“ . Der Sitz ist Bonn.